Wenige Tage nach Silvester brach auf dem deutschen Frachter Yantian Express mitten auf dem Atlantik in einem Container ein Feuer aus. Die Ladung bestand überwiegend aus Textilien, Autoteilen und Obst. Es befanden sich aber auch Container mit Gefahrgut an Bord. Der Versichererverband GDV schätzte die Höhe des Schadens im Fall eines Totalverlusts auf etwa 200 bis 400 Mio. Euro.

Dr. Edgar Puls, Vorstandsvorsitzender der HDI Global SE

Dr. Edgar Puls, Vorstandsvorsitzender der HDI Global SE

Etwa zur gleichen Zeit kam in der Nordsee die MSC Zoe in schwere See. Mehr als 280 Container, teils beladen mit Gefahrgut, gingen über Bord. Eine Schadenschätzung des GDV wurde dazu noch nicht veröffentlicht.

Diese Schiffsunglücke sind leider keine Einzelfälle. In den Jahren 2011 bis 2016 gingen nach Analysen des World Shipping Council pro Jahr durchschnittlich etwa 3.000 Container verloren. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich darüber liegen. Drei Viertel aller Haftpflichtfälle in der Schiffsversicherung gingen im Jahr 2017 nach einem Branchenbericht auf menschliches Versagen zurück. Dabei entstand ein finanzieller Verlust in Höhe von etwa 1,6 Mrd. Dollar (1,4 Mrd. Euro).


Kumulgefahr und mangelnde Transparenz

Diese Schiffe – heute zum Teil bis zu 400 Meter lang und voll beladen bis etwa 50 Meter hoch – stellen aufgrund einer extremen Wertekonzentration ein erhebliches Kumulrisiko dar. Zum Vergleich: Noch vor 15 Jahren fasste das größte Containerschiff rund 8.200 TEU (Anzahl 20 Fuß-Container), aktuell baut eine Reederei ein Containerschiff mit 24.000 TEU. Trotz dieser Gefahrenlage sind die Prämien in der Warentransport- und auch in der Seekasko-Versicherung seit vielen Jahren unter Druck. Die International Union of Marine Insurance spricht von einer herausfordernden Situation und unprofitablem Geschäft.

Wie kann man diese Risiken angemessen versichern beziehungsweise was muss sich ändern? Aus meiner Sicht sind hierbei drei Faktoren von großer Bedeutung:

1

Transparente Warenströme

Zum einen müssen Versicherer einen tieferen Einblick in die Warenströme haben. Allzu oft liegen diese im Dunkeln, weshalb diese Risiken auch so schwer kalkulierbar sind. Das liegt vor allem in der mangelnden Transparenz der Logistikkette begründet. Weder unsere Transportkunden, noch Reedereien, noch wir als Versicherer wissen, wo sich welche Ware gerade befindet. Jeder kleine Gewürzstreuer im Supermarkt ist mit einem Strichcode (oder Barcode) gekennzeichnet, jede Paketsendung können Verbraucher heute nachverfolgen. Diese einfache Kennzeichnung sollte auch bei Transporten eingesetzt werden. Damit wissen alle Beteiligten jederzeit, wo sich die Waren befinden. Ein Vorteil für alle: Eine Kennzeichnung erleichtert die Kalkulation der Versicherungsprämie und erhöht im Schadenfall die Schnelligkeit der Abwicklung. Zudem wissen die Reeder sehr genau, welche Ware sie transportieren.

2

Qualifiziertes Personal

Zum anderen spielt der „Human Factor“ an Bord der Schiffe eine Rolle. Die Qualifikation und Zusammensetzung des Personals ist von großer Bedeutung für den sicheren Betrieb eines Schiffs. Das sehen wir auch anhand von Schadenanalysen. Dabei wird deutlich, wie stark die Qualität und die Ausbildung von Schiffsbesatzungen variiert. Leider erhalten wir als Versicherer nur sehr wenig Einblick in diesen „Human Factor“ an Bord von Containerschiffen. Dadurch werden die Risikobewertung behindert, Präventionsmaßnahmen erschwert und die Versicherbarkeit von Schiffen unnötig belastet. Nur wenn alle Beteiligten gemeinsam mit dem jeweiligen Führungsversicherer an einem Strang ziehen und höhere Transparenz in der Logistikkette schaffen, können Industrieversicherer diese Risiken besser verstehen und angemessen bewerten.

3

Container-Tracking

Auch das Stichwort Container-Tracking spielt eine wichtige Rolle. Moderne Technik und Scan-Systeme machen es möglich, einzelne Container in Echtzeit auf den weltweiten Handelsrouten zu verfolgen. Diese Technik sollte häufiger eingesetzt werden, damit Versicherungsnehmer – und im Schadenfall auch ihre Versicherer – schnell Kenntnis darüber gewinnen, ob sie von der Havarie eines Schiffs betroffen sind. Schnelligkeit zählt nicht nur in der Lieferkette. Sie ist auch für uns als Versicherer und für unsere Kunden in der Schadenregulierung von hoher Wichtigkeit. Die Sicherheit dieser Tracking-Systeme gegen Cyberangriffe ist dabei unabdingbare Voraussetzung. Wo diese Sicherheit derzeit nicht zu gewährleisten ist, weil Cyberkriminelle unter Umständen über einen technologischen Vorsprung verfügen, können die Vorteile der Automatisierung und digitalen Vernetzung die Nachteile der Cyberrisiken nicht aufwiegen.


Das Wesen der Transportversicherung

Wenn wir diese Maßnahmen konsequent umsetzen, kommen wir einer risiko- und preisadäquaten Versicherung für Kunden und Versicherer ein gutes Stück näher. Gleichzeitig sollten wir uns aber auch darüber im Klaren sein, dass trotz allen digitalen Wandels und trotz des großen Fortschritts im Schiffbau hin zu autonomen Schiffen die Risikokalkulation bei sich bewegenden Warenströmen immer eine Herausforderung für Versicherer bleiben wird. Damit bleibt auch das Unbekannte weiterhin das Wesen der Transportversicherung. Erfahrene Transportversicherer wissen das und beweisen seit langer Zeit, dass sie damit umgehen können. Darauf können sich die Versicherungskunden auch in Zukunft verlassen.


Stand der Informationen: Mai 2019