Wie groß sind die Unfallrisiken für Fußgänger und Fahrradfahrer, wenn Lkw oder Busse rechts abbiegen wollen?

Michael Poppe, Risiko-Ingenieur, HDI Global SE

Michael Poppe: Während die Zahl der Verkehrstoten seit Jahren abnimmt, ereignen sich zunehmend schwere Verkehrsunfälle mit Radfahrern. Dies ist auch die Folge eines geänderten Mobilitätsverhaltens. Es sind mehr Radfahrer in den innerstädtischen Bereichen unterwegs. In den vergangenen Monaten kam es aber auch gehäuft zu tödlichen Abbiegeunfällen von Lkw mit Kindern. Deshalb ist dieses Unfallrisiko ebenfalls wieder verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Tatsächlich sind aber überwiegend ältere Seniorinnen von Abbiegeunfällen betroffen.


Woran liegt es, dass weder der Lkw- oder Busfahrer noch der Fahrradfahrer oder Fußgänger die Unfallgefahr rechtzeitig erkennt?

Fußgängern und Radfahrern fehlt oftmals das Verständnis dafür, dass das Sichtfeld vom Fahrerplatz aus eingeschränkt ist. Sie denken, dass der Lkw-Fahrer sie von „da oben“ erkennen muss, zumal sie den Lkw doch auch sehen. Aber das ist ein Irrtum. Gerade bei Glieder- und Sattelzügen hat der Fahrer aufgrund der eingeknickten Fahrzeugkombination über seine Spiegel keine Sicht mehr. Fußgänger und Radfahrer befinden sich dann im „Toten Winkel“ und werden nicht erkannt.


Wie können Abbiegeassistenten derartige Unfälle verhindern?

Abbiegeassistenten überwachen den Bereich rechts neben dem Fahrzeug und warnen den Fahrer in zwei Stufen: Nähert sich ein Fahrradfahrer oder ein Fußgänger bis zu einem seitlichen Abstand von knapp vier Metern, blinkt eine gelbe LED-Lampe auf Augenhöhe des Fahrers auf dessen Fahrzeugseite. Setzt er dennoch seine Fahrt fort, betätigt den Blinker oder beginnt ein Abbiegemanöver, sodass eine Kollision droht, folgt die zweite Warnstufe: Ein rotes LED-Licht blinkt und leuchtet nach zwei Sekunden dauerhaft, während gleichzeitig ein Warnsignal aus dem Lautsprecher ertönt. Zusätzlich leitet das System automatisch eine Teilbremsung ein. Auf diese Weise soll der Fahrer in der Lage bleiben, eine Kollision durch ein Lenkmanöver oder eine Vollbremsung abzuwenden. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass nahezu die Hälfte der beschriebenen Abbiegeunfälle durch den Einsatz solcher Technik verhindert werden könnte.


Die Bundesregierung setzt bislang auf den freiwilligen Einbau solcher Fahrerassistenzsysteme. Unternehmen lehnen dies jedoch oft ab, weil der Einbau zu hohe Kosten verursachen würde. Teilen Sie diese Bedenken?

Das Argument, die Investitionskosten seien zu hoch, ist nicht neu. Inzwischen bieten Fahrzeughersteller Fahrerassistenzsysteme wie Notbrems-, Abstands-, Spurhaltungs- und Abbiegeassistenten in der Regel als Sicherheitspaket für wenige tausend Euro an. Angesichts von Anschaffungskosten für eine neue Sattelzugmaschine von etwa 100.000 Euro hält sich dieser mit dem Einbau verbundene Kostenaufwand in Grenzen. Ganz abgesehen davon erhöhen solche Maßnahmen den Wiederverkaufswert derart ausgestatteter Fahrzeuge.


Bieten alle Lkw-Hersteller einen Abbiegeassistenten an?

Nein, das ist schon ein Problem. Aber es gibt gute Nachrüstlösungen, die zu einem Preis von rund 1.500 Euro pro Fahrzeug, inklusive Einbau, erhältlich sind. Dies empfehlen wir unseren Kunden, wenn die gelisteten Lkw-Hersteller kein sensorbasiertes System anbieten. Jeder einzelne Unfall ist einer zu viel. Familie und Angehörige der Unfallopfer müssen immenses Leid ertragen. Und auch die betroffenen Unfallfahrer können schwere psychische Schäden davontragen, die sogar in einer Berufsunfähigkeit münden können. Deshalb sollte alles Mögliche getan werden, um die Unfallgefahren aktiv zu verringern.


Sollte der Gesetzgeber Unternehmen zum Einbau solcher Fahrerassistenzsysteme verpflichten, sofern dies nicht auf freiwilliger Basis geschieht?

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche Themen durch gesetzgeberische Maßnahmen an Dynamik gewinnen und die Fahrzeug- und Systemhersteller auf Rahmenbedingungen des Gesetzgebers warten. Deshalb unterstützt HDI Risk Consulting den Deutschen Verkehrsgerichtstag in seiner Forderung, die Bundesregierung solle in den internationalen Gremien darauf hinwirken, dass alle neuen Lkw und Busse mit solchen Abbiegeassistenten ausgerüstet werden. Zudem sind die Hersteller aufgefordert, die Systeme so zu verbessern, dass das Fahrzeug abgebremst wird, wenn der Fahrer trotz ausgelöster Signale nicht reagiert.


Wie unterstützen Sie Kunden, die aktiv gegensteuern möchten?

Wir beraten unsere Flottenkunden im Rahmen von Riskmanagement-Gesprächen auch zu Fragen der Fahrzeugtechnik und Fahrerassistenzsystemen. Unsere Empfehlungen beinhalten oft auch kleinere, aber sehr effiziente Maßnahmen. Beispielsweise kostet ein Spiegel-Einstellplatz auf dem Betriebshof nicht viel Geld. Vorbeugend wirkt eine blinkende SML-Kette. Die am Anhänger oder Auflieger seitlich angebrachten Begrenzungsleuchten blinken, sobald der Lkw-Fahrer den Blinker betätigt und signalisieren so, dass das Fahrzeug gleich abbiegt. Zudem können Unternehmen auf staatliche Förderprogramme zurückgreifen, wenn sie Abbiegeassistenten nachrüsten oder Rückfahrkameras einbauen wollen.


Können Lkw- und Busfahrer ebenso wie Fußgänger und Radfahrer für dieses Unfallrisiko sensibilisiert werden?

Klar, das ist ein Grundpfeiler der Schadenverhütung. Kinder sollten bereits im Kindergarten und in der Schule über die Unfallrisiken aufgeklärt werden. HDI Risk Consulting schult Lkw- und Busfahrer regelmäßig in praktischen Fahrertrainings, um die Unfallgefahren zu begrenzen. Die Forderung des Verkehrsgerichtstages, eine verpflichtende Schulung im Rahmen der Berufskraftfahrer-Weiterbildung einzuführen, ist deshalb eine logische Konsequenz. Hilfreich sind auch „Toter Winkel“-Label, die an den Fahrzeugen angebracht werden. Wir stellen diese Aufkleber bei Bedarf gerne zur Verfügung.

Bei Rückfragen unterstützt Sie gerne Risiko-Ingenieur Michael Poppe per Mail an: Michael.Poppe@hdi.global und telefonisch unter: 0511 / 645-4860


Stand der Informationen: März 2019