Herr Kretschmann, Sie betreiben seit 2007 das Online-Portal „produktrueckrufe.de“. Worin bestehen mit Blick auf Herstellung, Vertrieb und Handel die größten Risiken für die Lebensmittelsicherheit?

Gert Kretschmann: Die Sicherheitsrisiken liegen vor allem in der Herstellung. Gerade bei Lebensmitteln besteht die Gefahr, dass das Produkt durch Fremdkörper, wie zum Beispiel Glas oder Metall, aber auch durch Bakterien oder Keime verunreinigt wird. Solche Fälle haben wir gerade in jüngster Zeit wieder verstärkt erlebt, obwohl es beispielsweise Selektions- oder Schnelltestsysteme gibt. Mit ihnen lassen sich Verunreinigungen zumindest ab bestimmten Größenordnungen erkennen. Allerdings können Produktmängel auch auf dem Transportweg und/oder durch unsachgemäße Lagerhaltung entstehen, für die dann möglicherweise der Handel verantwortlich ist.

Was hat sich bei der Durchführung und Kommunikation von Rückrufen aufseiten der Unternehmen in den zurückliegenden Jahren verändert?
Die großen Handelsketten haben inzwischen Routinen für die Durchführung von Produktrückrufen entwickelt und fordern im Rückruffall schon aus Imagegründen eine optimale Kommunikation seitens der Hersteller ein. Große Produzenten agieren hier zumeist professionell. Kleine und mittelständische Hersteller stoßen dagegen hinsichtlich ihrer Ressourcen schnell an ihre Grenzen und werden von den sich dann überschlagenden Ereignissen überrollt.

Was empfehlen Sie den Unternehmen?
Die Betriebe sollten diese Risiken finanziell absichern und ihr Unternehmen auf einen solchen Ernstfall vorbereiten. Manche Industrieversicherer wie HDI bieten spezielle Versicherungskonzepte und Hilfestellungen bei der Installierung von Rückrufplänen an. Aufgrund der vielfach existenzbedrohenden Auswirkungen für betroffene Unternehmen nehme ich hier eine wachsende Bereitschaft wahr.

Welche Defizite stellen Sie beim Umgang mit Produktrückrufen fest?
Produktrückrufe können nahezu jede Branche treffen. Dennoch wird dieses Risiko in manchen Geschäftsleitungen nach wie vor verdrängt. Vielfach fehlt es an der nötigen Professionalität beim Umgang mit Produktmängeln. Das beginnt häufig schon bei der Reaktion auf Verbraucherbeschwerden. Es muss sichergestellt sein, dass solche Beschwerden ernst genommen werden und gezielte Aktivitäten im Unternehmen auslösen. Nur dann ist das Unternehmen in der Lage festzustellen, ob zum Beispiel eine Produktrücknahme ausreichend ist. Dann werden die Produkte aus den Regalen der Lebensmittelhändler oder Supermärkte zurückgenommen – ohne öffentliche Hinweise oder Informationen an die Verbraucher. Möglicherweise reicht eine Regulierung im Rahmen von Kundendienst-Maßnahmen.

 

Wie bewerten Sie die Situation bei der Kommunikation gegenüber Medien und Verbrauchern gerade im Zusammenhang mit „Produktrückrufen wegen Gesundheitsgefahren“?
Jede Rückrufaktion beinhaltet mehr oder weniger auch gesundheitliche Gefährdungen. Das gilt zum Beispiel selbst bei falschen Etikettierungen. So kann die fehlende Nennung von Lebensmittelbestandteilen wie Allergenen lebensbedrohliche Folgen für Allergiker haben. Im Übrigen gilt dies meistens auch für Elektrogeräte, bei denen vor einer Überhitzungsgefahr gewarnt wird. Mit anderen Worten: Es besteht eine Brandgefahr und damit ein lebensbedrohliches Risiko.

 

Welche präventiven Maßnahmen empfehlen Sie Unternehmen zum Schutz vor Produktrückrufen?
Nach meinen Erfahrungen ist ein funktionierendes Qualitätsmanagement unverzichtbar und zwar sowohl in personeller als auch in technischer Hinsicht. Es sollte Zugriff auf Laborkapazitäten bestehen, um Lebensmitteluntersuchungen schnell durchführen zu können. Zweitens halte ich eine ständige Produktbeobachtung für unerlässlich. Nur so können Unternehmen frühzeitig reagieren, wenn beispielsweise Mitbewerber oder Zulieferer von einem Rückruf betroffen sind. Ganz wichtig: Es muss ein Rückrufplan bestehen, damit im Ernstfall jeder weiß, was zu tun ist, also schnell entschieden und gehandelt werden kann. In einem solchen Plan müssen alle rechtlichen, industriellen und regulatorischen Anforderungen beschrieben sowie die Aufgaben und Verantwortlichkeiten eines zu benennenden Krisenstabes geregelt sein; auch entsprechende Servicekapazitäten, logistische Abwicklung, Kompensation, Reparatur und/oder Verwertung sowie Entsorgung müssen vorgedacht werden.

Warum sind diese Vorbereitungen so wichtig, Herr Kretschmann?
Der Geschäftsalltag zeigt: Rückrufrisiken lassen sich nie gänzlich ausschließen. Denn weder Technik noch Menschen arbeiten dauerhaft fehlerfrei. Die Sensibilität für Produktmängel, insbesondere im Lebensmittelsektor, ist in jüngster Zeit bei Verbrauchern und Medien eher gestiegen. Unternehmen, die im Rückruffall unprofessionell agieren, drohen in dieser schnelllebigen und von sozialen Medien geprägten Zeit schnell an Reputation zu verlieren. Das kann die betriebliche Existenz nachhaltig gefährden.


Hintergrund

„produktrueckrufe.de“ ist ein Rückruf-Portal für Unternehmen und Verbraucher. Es bietet branchenübergreifende Informationen über Rückrufaktionen, Produktwarnungen, Sicherheitshinweise sowie Links zu Gesetzen/Verordnungen und behördlichen Informationen auch in Nachbarländern. Das Rückruf-Portal erzielt rund 400.000 Seitenaufrufe pro Monat.

HDI bietet Unternehmen der Lebensmittelbranche mit dem Produkt-Exklusiv-Schutz eine umfassende Branchenlösung: Das Leistungspaket beinhaltet Prävention, Risikoabsicherung und Krisenmanagement, sodass die Betriebe die Risiken eines etwaigen Produktrückrufs nachhaltig begrenzen können.

Stand der Informationen: März 2017