Cyber-Sicherheit ist eines der wichtigsten Themen der CeBIT: Viele technische Lösungen zum Schutz vor Cyber-Attacken werden dort vorgestellt. Dennoch bleiben für Unternehmen immer noch Restrisiken. Wie gehen Unternehmen im Hightech-Land Japan mit Cyber-Risiken um und wie versichern sie sich?

Uwe Sievers: Japan und Deutschland stellen sich in enger Zusammenarbeit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Hierfür haben das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im vergangenen Jahr einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. Unterstützt wurde dies von Industrie- und Handelsverbänden beider Länder. Die Kooperation umfasst unter anderem den Austausch von Best Practices, um damit besser auf die Herausforderungen des Internets der Dinge (IOT) reagieren zu können. Industrielle Cyber-Sicherheit steht dabei auf der Prioritäten-Liste ganz weit oben.

Dem Nationalinstitut für Informations- und Kommunikationstechnologie (NICT) zufolge war 2016 in Japan die Zahl der Cyber-Attacken mit rund 128,1 Milliarden Angriffen mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Etwa die Hälfte dieser Angriffe richtete sich gegen IOT-Geräte. Die Gründe für die Attacken reichten von einfachen Streichen bis hin zu Verleumdungen, Datendiebstahl, Erpressung und Versuchen, politischen Einfluss zu nehmen.

In Bezug auf die Cyber-Sicherheit sind Unternehmen in Japan an Datenschutz, Kartellrecht, Vorschriften gegen unberechtigte Zugriffe und das Recht am geistigen Eigentum gebunden. Die Firmen bemühen sich, Cyber-Risiken so gering wie möglich zu halten, vor allem hinsichtlich von Corporate Governance, Computer-Sicherheit, Datenmanagement und Geschäftskontinuität.
Versicherungen nehmen dabei eine wichtige Rolle im Risikomanagement ein. Während bis vor kurzem nur Vermögensschäden Dritter abgedeckt werden konnten, bieten sowohl inländische als auch globale Versicherer wie HDI nun umfassende Lösungen an. Damit lassen sich auch Eigenschäden absichern, die Unternehmen durch Cyberkriminalität erleiden.

Das Internet der Dinge ist ein großes Thema auf der CeBIT. Schätzungen zufolge sollen bereits im Jahr 2020 etwa fünfzig Milliarden Geräte vernetzt sein. Auch in Industrieunternehmen sind mehr und mehr Produktionsabläufe übers Internet vernetzt. Das schafft zusätzliche Risiken. Wie gehen HDI Kunden in Japan damit um, vor allem in Bezug auf ihren Versicherungsschutz?
Cyber-Sicherheit im IOT-Bereich hat in Japan in sehr kurzer Zeit große Aufmerksamkeit erlangt. Die japanische Agentur für die Entwicklung der Informationstechnologie (IPA) sieht in einer ganzen Reihe von Cyber-Gefahren mögliche Bedrohungen für Einzelpersonen und Unternehmen. Dazu zählen beispielsweise: die unbefugte Nutzung von Internetbanking und Kreditkarteninformationen, Erpressungssoftware, Angriffe auf Smartphones und Smartphone-Apps, DDoS-Angriffe (Absichtlich herbeigeführte Serverüberlastungen), unautorisierte Anmeldungen bei Web-Services, Diebstähle von persönlichen Web-Service-Daten, Verleumdungen im Internet und gefälschte Webseiten. Darüber hinaus listete die IPA erstmals Management-Verfehlungen und eine fehlende Sicherheitsstrategie in Bezug auf IOT-Ausrüstung in den Top-10-Bedrohungen auf.

Die Schadsoftware „Mirai" infizierte zum Beispiel IOT-Ausrüstungen wie Sicherheitskameras, DVR-Netzwerkgeräte, Router, usw., wodurch sich ein Bot-Netz bildete. Im vergangenen Jahr wurden hierdurch mehrere DDoS-Angriffe generiert, die Produktionsabläufe und Dienstleistungen von Unternehmen ausschalteten.

Solche Angriffe mit Schadsoftware können also Ausfallzeiten in Produktionsbetrieben und bei Dienstleistern verursachen. Das wiederum kann nicht nur einen Reputationsverlust der betroffenen Unternehmen zur Folge haben, sondern auch ihren Gewinn negativ beeinflussen. Entsprechende Versicherungslösungen umfassen hier in Japan zum Beispiel Komponenten zur Absicherung von Vermögensschäden infolge eines Netzwerkausfalls. Da die mit Schadsoftware infizierten Netzwerksysteme auch Drittanbietersysteme infizieren können, sollten sich Unternehmen zudem gegen mögliche Haftungsansprüche Dritter absichern.

Drohnen und Multikopter werden nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von Unternehmen eingesetzt. Können Sie uns einige Beispiele nennen, wie Drohnen in japanischen Firmen verwendet werden? Wie versichern diese Unternehmen den Einsatz von Drohnen?
Wir beobachten einen verstärkten Einsatz von Drohnen zur Überwachung und Kontrolle in den Bereichen Landwirtschaft, Katastrophenbewältigung, Sicherheit und Umweltschutz. Auch in den Medien kommen Drohnen zum Einsatz, hier vor allem bei der Aufzeichnung von Unterhaltungs- und Sportveranstaltungen. In der Logistik befinden sich Drohnen noch im Testlauf. Die Nutzung ist dort noch eingeschränkt, da die Gesetze für den Einsatz von Drohnen in diesem Bereich gerade diskutiert werden.

Ein Versicherungsschutz könnte die Suche und Wiederherstellung von verlorenen Drohnen, Schäden an der Drohne sowie Haftpflichtansprüche Dritter umfassen. Darüber hinaus stehen Versicherer vor der Herausforderung, Versicherungslösungen gegen Risiken zu finden, die sich aus dem missbräuchlichen Einsatz von Drohnen ergeben können. Ich denke da nicht nur an Terroranschläge, sondern auch an das Eindringen in die Privatsphäre und an Cyber-Attacken.

Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz und der Frage, wie Maschinen autonom lernen können. Laut Bosch kann beispielsweise in zehn Jahren kaum ein Produkt dieses Unternehmens auf künstliche Intelligenz verzichten. Welche Herausforderungen birgt dies für Industrieversicherer in Japan und anderswo?
Als Industrieversicherer stehen wir in engem Kontakt mit unseren Kunden, und wir streben immer danach, mit technologischen Veränderungen Schritt zu halten. Wir stehen dabei vor der Herausforderung, die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln, um einen professionellen Risikodialog mit unseren Kunden zu führen. Nur so können wir integrierte Versicherungslösungen für die sich ändernden Bedürfnisse des Marktes schaffen.

Welche Trends in Bezug auf Technologie und Industrieproduktion spielen aus Ihrer Sicht eine besondere Rolle in der japanischen Wirtschaft?
Die japanische Bevölkerung ist eine der am schnellsten alternden Gesellschaften der Welt. Der Fokus liegt somit zunehmend darauf, wie Technologie und künstliche Intelligenz sowohl grundlegende menschliche Tätigkeiten als auch medizinische Versorgung unterstützen können. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Technologie helfen kann, den infolge der schrumpfenden Arbeitsbevölkerung möglichen Rückgang der Produktionskapazitäten zu kompensieren.

Welche Risiken spielen für HDI Kunden in Japan derzeit die größte Rolle und was sind die Besonderheiten der Industrieversicherung in Japan im Vergleich zu anderen Regionen der Welt?
Die Gefahr von Naturkatastrophen, wie Erdbeben und tropischen Wirbelstürmen, ist in Japan sehr groß. Entsprechend stehen traditionelle Risiken wie Sachschäden, Betriebsausfälle und der Zusammenbruch von Lieferketten im Fokus japanischer Risikomanager und Versicherungseinkäufer. Insbesondere die Sorge vor Zusammenbrüchen von Lieferketten spielen in der just-in-time-Fertigung, die von vielen unserer japanischen Firmenkunden perfektioniert wurde, eine große Rolle.

Darüber hinaus haben unsere Kunden ihre globale Präsenz sowohl durch M&A-Aktivitäten als auch durch die Gründung von Übersee-Produktionsstandorten, insbesondere in China und in der ASEAN-Region, verstärkt. Dies beeinflusst die Sicht japanischer Risikomanager auf die Auswirkungen von Kartellverfahren, von vorsätzlichem Fehlverhalten im Management und der Missachtung behördlicher Anweisungen.

Japanische Risikomanager befinden sich heute in einem Umfeld, in dem die Corporate-Governance- und Compliance-Anforderungen immer strikter werden. Die Herausforderung für die Risikomanager besteht darin, sich im Enterprise Risk Management ihres jeweiligen Unternehmens angemessen zu positionieren.

Wenn wir unsere Kunden fragen, was sie als ihre größten Risiken betrachten, stehen Schäden durch Cyberkriminalität weit oben auf der Liste. HDI bietet daher Cyber-Versicherungslösungen sowohl für mittelständische als auch für große Unternehmen an. Wir betrachten diesen Markt als eines der am schnellsten wachsenden Versicherungssegmente in Japan – sowohl für HDI als auch für die Assekuranz insgesamt.

Stand der Informationen: März 2017