Kommentar von Dr. Edgar Puls, Vorstandsvorsitzender der HDI Global SE

Wertschöpfungsketten sind heute sehr arbeitsteilig aufgebaut: Während die Fertigungstiefe in vielen Branchen stark abgenommen hat, ist der Grad der Spezialisierung und der internationalen Vernetzung deutlich gestiegen. Diese Form der Arbeitsteilung ermöglicht allen Beteiligten eine effiziente und wirtschaftliche Wertschöpfung. Nur auf diese Weise können Unternehmen heute im globalen Wettbewerb erfolgreich sein.

Ein gutes Beispiel für moderne Wertschöpfungsnetzwerke ist die Automobil-Industrie. Einblick in ihre komplexen Lieferketten gab unlängst der CEO eines großen deutschen Mobilitäts-Konzerns in einem Zeitungsinterview. Das Unternehmen hat demnach allein im Autogeschäft 17.000 Zulieferer. Von denen bezieht es 140 Milliarden Teile pro Jahr, die in 130 Werken in 24 Ländern verarbeitet werden. Jedes Teil überschreitet im Schnitt viermal eine Grenze, bevor es in einem Fahrzeug eingebaut wird. Störungen dieser Abläufe, fügte der Manager hinzu, hätten erhebliche Auswirkungen auf das Geschäft des Konzerns.

Wie groß diese Auswirkungen sind, sehen wir als Industrieversicherer an den globalen Schaden-Trends in der Feuerversicherung seit einigen Jahren ganz deutlich. Dort gibt es eine Tendenz zunehmender Rückwirkungsschäden. Wie erklären wir das?


Vier Gründe für die Zunahme von Rückwirkungsschäden

Ein Grund dafür ist die Globalisierung der Unternehmen. Diese hat zu einer weltweiten Vernetzung von Liefer- und Produktionsströmen geführt. Wo in der Vergangenheit „um den Kirchturm herum" geliefert wurde, sind heute selbst kleine und mittelständische Unternehmen weltweit als Lieferanten und Abnehmer von Zwischenprodukten und Komponenten aktiv.

Zweitens sehen wir eine zunehmende Spezialisierung in der Fertigung von Komponenten. Die steigenden Anforderungen an die Leistungsfähigkeit zum Beispiel von Maschinen sind nur durch das ausgefeilte Zusammenspiel dieser Komponenten möglich. Dies hat eine starke Spezialisierung der Zulieferer zur Folge.

Drittens erfordert diese Spezialisierung ein erhöhtes Know-how in der jeweiligen Nische. Das führt zu einer Fokussierung auf die Produktion ganz spezieller Komponenten und die damit einhergehende Forschung und Entwicklung. Produzenten von Anlagen oder Maschinen bleibt bei der Vielzahl der benötigten Einzelkomponenten kaum etwas Anderes übrig, als diese von hoch spezialisierten Lieferanten zu kaufen. Hierdurch bauen sich einerseits weltweite Lieferketten auf, andererseits gibt es für viele Teile oft nur sehr wenige Hersteller – manchmal sogar nur einen einzigen. Wenn dieser für längere Zeit ausfällt, kann dies zu einer verheerenden Breitenwirkung führen. Wir sprechen dann von einem Kumulschaden. Das kann man nicht vermeiden. Die Auswirkungen müssen aber vom Versicherer verstanden und im eigenen Portfolio begrenzt werden.

Als vierten und letzten Grund für den beschriebenen Schaden-Trend sehen wir die lokale Konzentration von Branchen. So besteht beispielsweise im Golf von Mexiko und auf der arabischen Halbinsel jeweils eine hohe Dichte von Unternehmen aus der erdölverarbeitenden Industrie. Im Falle eines tropischen Wirbelsturms kann der Ausfall eines einzelnen Betriebes zu einer Unterbrechung der Lieferkette führen. Die damit verbundenen finanziellen Schäden sind erheblich. Das liegt nicht zwangsläufig an einer möglicherweise steigenden Intensität von Naturkatastrophen. Es liegt vielmehr an der erhöhten Konzentration von Sachwerten und der steigenden Fragilität von Lieferketten.


Transparenz in Lieferketten-Risiken bringen

Viele Unternehmen bringen erst durch die Unterstützung ihres Industrieversicherers Transparenz in diese Risiken. Bei neuen Kunden, mit denen wir zum ersten Mal in einen Risiko-Dialog eintreten, stellen wir oft fest, dass sie dabei plötzlich Risiken identifizieren, an die sie vorher nie gedacht hatten – etwa, dass ein wesentlicher Teil ihres Umsatzes an einem einzigen Lieferanten hängt. Weil ein plötzlicher Totalausfall dieses Zulieferers infolge von Bränden oder Überflutungen kein Bestandteil der Notfallpläne der Geschäftsführung war, hatte sie eine Betriebsunterbrechung an dieser Stelle weder einkalkuliert noch in angemessener Höhe versichert.

Erst wenn Unternehmen ihre Risiken kennen, können sie ihren eigenen Risiko-Appetit definieren. Die Geschäftsführung hat am Ende eines Risiko-Dialogs meist mehrere Alternativen: Sie kann sich dafür entscheiden, einen Teil des Risikos kalkuliert einzugehen und in der eigenen Bilanz zu tragen. Sie kann im Sinne ausgefeilter Prävention auch redundante Maschinen und Arbeitsprozesse vorhalten sowie Lagerhaltung optimieren, um unerwartete Lieferkettenbrüche zu überbrücken. Und sie kann das Risiko oder einen Teil davon schließlich auch an einen Industrieversicherer übertragen.

Mit ihrer Risiko-Analyse und dem Risiko-Transfer tragen Industrieversicherer ganz wesentlich dazu bei, dass Wertschöpfungsketten in der heutigen Komplexität, aber auch mit hoher Effizienz betrieben werden können.

Die Industrieversicherer kalkulieren diese Risiken und setzen dafür angemessene Prämien an. Dies ist im Interesse aller, damit die Industrie sich auch künftig auf eine effiziente Wertschöpfung konzentrieren kann und in der Lage ist, einen wesentlichen Teil der durch eine Unterbrechung der Lieferkette hervorgerufenen bilanziellen Risiken über den Versicherungsmarkt abzusichern.

 

Stand der Informationen: Juli 2019